[rezension] Tante Poldi und die sizilianischen Löwen

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Mario Giordano
Tante Poldi und die sizilianischen Löwen

Ab 16 Jahren / 366 Seiten
14,99 € [D]
ISBN: 978-3-431-03914-6
Ersterscheinung: 12.03.2015

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Zitat S. 11

Ich erinnere mich an Ausflüge mit Onkel Martino in den Sommerferien, wenn ich wegen des ersten Sonnenbrandes eine kleine Strandpause einlegen musste.
Ausflüge! Zwölfstündige Autofahrten durch Dantes Inferno, durch Luft wie geschmolzenes Glas, ohne Wasser oder Kühlung, in einem völlig verqualmten Fiat Regata.

Meine Meinung: Das Ur-bayerische Weibsbild Isolde Oberreiter, genannt Poldi zieht an ihrem 60.ten Geburtstag nach Sizilien, wo die Verwandten ihres Mannes wohnen, „um sich gepflegt zu Tode zu saufen“.
Doch wie die Poldi selbst am Besten weiß, kommt es manchmal anders als man denkt. Ihr gepflegter Lebensabend mit Meerblick will deswegen auch gerne von der Verwandtschaft verhindert werden und die gute Poldi auf andere Gedanken gebracht. Als erstes brauchte Tante Poldi dafür natürlich ein kleines Haus mit den richtigen Schwingungen, nicht in der direkten Nähe der Verwandtschaft.
Als der junge Valentino, der Poldi am Haus hilft, plötzlich verschwindet beginnt für die Poldi eine verworrene und hartnäckige Ermittlung während der sie Valentinos Leiche findet, etliche Ungereimtheiten aufdeckt und spontan ihre Leidenschaft für den ermittelnden commissario entdeckt.
Letztendlich findet Poldi auch den Mörder, aber das war bei der renitenten Ex-Kostümbildnerin und Nachfahrin eines deutschen Kommissars auch zu erwarten.
Unterstützung bekommt die Poldi nicht nur von ihrem schneidigen commissario, sondern auch von „den Tanten“ und Kommissar Zufall, die ihr gelegentlich zur Hand gehen.

Der Roman „Tante Poldi und die sizilianischen Löwen“ ist anscheinend der Auftakt einer neuen Krimireihe um das bayerische Urgestein Poldi. Ihr erster Fall. Der letzte Satz des Buches deutet ebenfalls darauf hin.
Mario Giordano, der bereits einige Romane, Jugendbücher und Drehbücher schrieb, entführt uns hier ganz hervorragend in die tiefsten Winkel von Sizilien.
Mit viel (besonders bayerischem) Charme und Humor bringt uns  Mario Giordano der Poldi näher.

Das gesamte Buch ist durchzogen von Poldis derben Humor und patentem Gemüt, was sich allerdings schnell darauf zurückführen lässt, dass eigentlich Poldi diese Geschichte erzählt. Genauer gesagt erzählt sie diese Geschichte ihrem Neffen, dem Autor der Familie der alle zwei Monate aus Deutschland kommt und bei Poldi wohnt. Deswegen hat das Buch wahrscheinlich auch diese kleinen Kapitelzusammenfassungen zu Beginn jedes Kapitels. Wie ein Script, dass sich noch in der Bearbeitung befindet und bei dem man sich Inhaltsnotizen macht zum Schreiben.
Das übrigens ist auch eines der zwei kleinen Mankos des Buches: diese kleinen Kapitelübersichten zu Beginn, haben mich anfangs total verwirrt. Ich fand es sehr seltsam eine Zusammenfassung des kommenden Inhaltes zu lesen. Und da auch nicht direkt klar wird, dass die Geschichte quasi aus erster Hand über Poldi geschrieben wird, während sie diese Geschichte erzählt, musste ich mich erst einmal in diese Begebenheit hineinlesen. Da hätte ein bisschen Aufklärung dem Leser sicherlich gut getan.

Kommen wir direkt zum zweiten Punkt: die Sprache des Romans. Mario Giordano schreibt wirklich toll, sehr bildhaft, erwachsen und gefühlvoll für den Leser und trotzdem lässt er einen nicht vergessen, dass wir hier die derbe und äußerst patente Tante Poldi begleiten.
Der Nachteil dieser Geschichte ist allerdings, dass der Autor hier neben sehr vielen Fremdwörtern (oder ich lese einfach deutlich zuviel Jugendbücher momentan) etliche italienische Begriffe im Text verwendet. Vieles wird erklärt oder ergibt sich durch den Kontext, aber trotzdem bleiben manche Wörter einfach auf der Strecke. Das fand ich etwas schade.

Zitat S. 51

„Oberste Regel des Erfolgs im Business für Frauen“, erklärte sie mir später, „wenn’s ernst wird, immer Rock, immer Ausschnitt!“

Dann direkt weiter zu Poldi. Die Poldi ist eigentlich genauso wie sie schon auf dem Cover zu sehen ist: ein bissel proper, aber eindeutig ein Unikat mit schwarzer Perücke und renitentem Vorgehen im Mordfall Valentino. Immer gut gestylt, immer mit gesundem Pragmatismus und einem guten Spruch auf den Lippen und immer ein echter Hingucker.
Spätestens wenn die gute Poldi sich am liebsten auf ihren ermittelnden Polizeibeamten stürzen möchte, wollte ich allerdings ein paar Seiten überspringen. Poldi ist nämlich so gar nicht prüde.
Manchmal, nur manchmal packt Poldi der Schwermut, doch den ertränkt sie anfänglich im Alkohol. Der Leser erfährt zwischendurch einiges von Tante Poldis Leben, ihre Gefühle bleiben dabei teilweise etwas auf der Strecke, aber das passt einfach zu Poldi.
Und zudem machen die ausführlichen und guten Beschreibungen von Giordano diesen Punkt um ein vielfaches gut. Die restlichen Charaktere werden einfach so am Rande immer wieder mit ins Geschehen verflochten. Der Leser erfährt nicht direkt über die einzelnen Personen etwas, sondern immer dann, wenn Poldi uns etwas aus ihrer Sicht über sie mitteilen möchte. Oder unser Autor (der Neffe) etwas anzumerken hat. Das macht sie aber nicht blasser, nur weniger detailreich.
Der vorliegende Roman ist für mich im klassischen Sinne ein Krimi der alten Schule: ein Ermittler und seine Helfer, ein Mord und eine gute zu ermittelnde Hintergrundgeschichte ohne wirkliche Thrillerelemente, aber trotzdem spannend. Und bis zum Schluss haben Giordano, Tante Poldi und ihr Neffe mich immer wieder auf der Spur zum Mörder an der Nase herumgeführt.

Zitat S.242

Mühsam richtete sich die Poldi auf und sah den Tod vor sich stehen. Er wirkte ein wenig ratlos und verlegen.
„Sodala“, sagte die Poldi gefasst. „Ist es also nun so weit.“
Der Tod setzte seine Lesebrille auf und warf einen Blick auf das Klemmbrett mit seiner Liste. „Moment, nicht so eilig. Du stehst nicht auf der Liste für heute. Da muss..“
Er räusperte sich nervös, „etwas schiefgelaufen sein.“

Fazit: Ein lesenswerter Auftaktroman mit einer erfrischend anderen Heldin, die zwar Klischee behaftet bayerisch, aber herzerwärmend toll ist. Spannende Krimiunterhaltung mit einem guten Schuss Komödie in der sizilianischen Kleinstadt mit Tante Poldi und ihrem commissario.
4,5 / 5 Sternen

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an Bastei Lübbe und Blogg dein Buch (für eine Weiterleitung einfach die Bildchen anklicken).

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5 Antworten zu “[rezension] Tante Poldi und die sizilianischen Löwen

  1. Diese Kapitelzusammenfassungen *vor* den eigentlichen Kapiteln waren früher bei Kinderbüchern weiter verbreitet, z.B. bei »Das doppelte Lottchen«. Heute sieht man das nur noch ganz selten.

    • Ja, daher kenn ich die auch. Ich wusste ich hab das mal öfter gesehen. Aber hier finde ich wirken sie eher weniger förmlich wie eine echte Inhaltsangabe, sondern teils umgangssprachlich, als hätte sich jemand Notizen gemacht um später weiter genau am Kapitel arbeiten zu können^^#
      Irgendwie so. Aber danke für den Hinweis nochmal..

      • Lustigerweise könnte es ja tatsächlich sein, dass der Autor sich solche Notizen gemacht hat, am Ende fand er sie dann möglicherweise so nett, dass er nicht mehr darauf verzichten wollte. 😇

  2. Mario Giordano – Hatte der nicht ein Kinderbuch geschrieben, in dem eine sizilianische Familie im Norden Italiens vor der Mafia untertauchen muss. Ein faszinierendes Thema, dass ich den Kindern damals gern zum Lesen in die Hand gedrückt hatte.

    • Mmh..das kann sein, ich kenne von ihm ansonsten nur die „Apocalypsis“-Romane.
      Aber Mafia für Kinder klingt auch nicht verkehrt.^^
      LG

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